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„Ein Weckruf für den Mittelstand“

Interview mit Marc Müller und Christoph Tönsgerlemann zu den Ergebnissen des ETL Mittelstandskompass 2022
„Ein Weckruf für den Mittelstand“
Aktuelles
05.05.2022

„Ein Weckruf für den Mittelstand“

Interview mit Marc Müller und Christoph Tönsgerlemann zu den Ergebnissen des ETL Mittelstandskompass 2022

Am 03. Mai präsentierte ETL gemeinsam mit dem renommierten Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) den neuen ETL Mittelstandskompass 2022. Zum zweiten Mal wurden rund 2.000 Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe und der Dienstleistungsbranche befragt. Herausgekommen ist eine einzigartige Bestandsaufnahme des deutschen Mittelstandes. Im Interview erläutern ETL AG-Vorstand Marc Müller und Christoph Tönsgerlemann, Vorstand ETL AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft, Hintergründe und Handlungsempfehlungen.

Wie geht es dem deutschen Mittelstand und was fordert ihn besonders heraus, Herr Müller?
Müller: Deutschlands Mittelstand ist und bleibt das Kraftzentrum der deutschen Wirtschaft, jedoch ist er aktuell auf mehreren Ebenen mit fundamentalen ökonomischen, politischen, technologischen sowie ökologischen Herausforderungen konfrontiert. Die Anfälligkeit globaler Liefer- und Nachfrageketten durch politische Krisen und pandemische Situationen, die voranschreitende digitale Transformation, der demografische Wandel, aber auch klimatische Veränderungen, sind einige der Faktoren, die den Mittelstand einem umfassenden Stresstest unterziehen. Selten zuvor war der Mittelstand auf so vielen Ebenen gefordert, es ist ein Weckruf.
Der ETL Mittelstandskompass hilft uns genauer zu verstehen, wie Unternehmen durch diese anspruchsvolle Zeit navigieren. Er ist dabei nicht abstrakt oder unkonkret, sondern schaut genau hin, welche Strategien und Ansätze erfolgreiche von weniger erfolgreichen Unternehmen unterscheiden und was man daraus lernen kann.

Welche Bereiche nimmt der ETL Mittelstandskompass in den Blick und was macht diese Marktbetrachtung so besonders?
Müller: Gemeinsam mit Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) haben wir für den ETL Mittelstandskompass Trends und Herausforderungen für kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland untersucht und dafür eigens erhobene Umfragedaten von 2.000 Unternehmen aus dem IW-Zukunftspanel mit anspruchsvollen statistischen Verfahren ausgewertet.
Wir schauen dabei insbesondere auf drei thematische Säulen, die wir als zentrale Erfolgsfaktoren, aber auch Herausforderungen für den Mittelstands identifizieren: „Fachkräfte“, „Nachhaltigkeit“ und „Digitalisierung“. Dieser Felder untersuchen wir in einem hohen Detailgrad und sind immer bestrebt, besser zu verstehen, was Unternehmen im Umgang mit diesen Faktoren erfolgreich oder eben weniger erfolgreich macht.
Dabei hilft uns der sogenannte ETL-Erfolgsindex. Dafür untersuchen wir gegenwärtige und zukünftige Facetten von unternehmerischem Erfolg, beispielsweise der aktuelle Auftragsbestand oder wie gut Unternehmensziele erreicht werden, aber auch wie es um zukünftige Umsätze, Investitionen, Mitarbeiter und Produktionskapazitäten steht. Auf Basis dieses ETL-Erfolgsindexes können wir dann Ableitungen und Handlungsempfehlungen treffen.

Mit den Themen Fachkräftemangel, Nachhaltigkeit und Digitalisierung, stellt der ETL Mittelstandskompass Entwicklungen ins Zentrum, um die kein Unternehmen und keine Führungskraft mehr herumkommt. Zugleich sind es drei sehr unterschiedlichen Themengebiete. Gibt es Erkenntnisse aus dem aktuellen Kompass, die alle drei Themen verbinden?
Müller: Absolut. Wir können eindeutig sagen: Strategisches Handeln ist der Weg nach vorn, um im Umgang mit dem digitalen Wandel, der Nachhaltigkeit und dem Fachkräftemangel die Nase weiter vorn zu haben. Krisenzeiten und Zeiten der Transformation erfordern strategisches Denken, Handeln und auch kommunizieren.
Neben Innovations-, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten hat gerade die Strategiearbeit einen Einfluss auf den Erfolg von Unternehmen. Erfolgreiche Unternehmen, das zeigt uns der ETL Mittelstandskompass, agieren insgesamt strategischer. Sie planen und koordinieren ihre strategischen Aktivitäten stärker als nicht erfolgreiche Unternehmen. Entscheidend ist, dass diese Bereitschaft zur strategischen Weiterentwicklung und vielleicht sogar Neuausrichtung von innen herauskommen sollte. Wir können feststellen: Intrinsische Motivation ist in erfolgreichen Unternehmen stärker ausgeprägt als in nicht erfolgreichen Unternehmen. Mit dieser Haltung kann man stärker, die sich ergebenden Chancen ergreifen!
Dabei muss man nicht sofort die allumfassende Zukunftsstrategie haben. Wichtig ist, sich überhaupt auf den Weg zu machen, das unternehmerische Handeln strategischer auszurichten und immer wieder entlang des Weges zu prüfen, wo man steht und was verbessert werden kann. Kontinuierliche Lernbereitschaft ist ein Erfolgsfaktor.

Schauen wir uns den Bereich der Fachkräftegewinnung und des Haltens von Personal noch einmal genauer an. Das beschäftigt sehr viele Unternehmen. Was können wir hier vom neuen ETL Mittelstandskompass lernen?
Müller: Wir können feststellen, dass die Unternehmen, die eine Strategie zur Personalarbeit haben, tendenziell besser aufgestellt sind. Dabei geht es darum, ob beispielsweise die Arbeitgeberattraktivität mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, Weiterbildungsangeboten, einer offenen Feedback- und Ideenkultur sowie einer attraktiven Unternehmenspräsentation nach außen wie innen (Employer Branding) gesteigert wird. Der ETL Mittelstandskompass zeigt uns: Rund 60 Prozent der erfolgreichen Unternehmen haben eine Personalstrategie, während dies nur 35 Prozent der weniger erfolgreichen haben. Es macht also einen deutlichen Unterschied, wie viel Aufmerksamkeit, Innovationsgeist und strategisches Handeln Unternehmen ihrer Personalarbeit widmen. Jegliche strategische Planung zur adäquaten Reaktion auf die Herausforderungen unserer Zeit kann nur gelingen, wenn Sie als Unternehmen über das notwendige Personal verfügen, das Ihre Überlegungen und Ziele umsetzen kann.

Ein weiterer Bereich, der längst kein Nischendasein mehr führt, sondern ein Erfolgsfaktor geworden ist, ist die nachhaltige Ausrichtung des unternehmerischen Handelns. Das Erreichen von Klimaziele und andere Nachhaltigkeitszielen gehört mittlerweile fest zum unternehmerischen Alltag. Was sagt uns der Kompass hier?
Müller: Die ökologische Transformation markiert den tiefgreifendsten Wandel seit der Industriellen Revolution und bietet Unternehmen damit auch eine umfassende Chance, sich weiterzuentwickeln oder sogar neu zu erfinden. Erfolgreiche Mittelständler, so beleuchtet es der ETL Mittelstandskompass, orientierten sich frühzeitig an Best-Practice-Beispielen im Bereich der Nachhaltigkeit, lernen von ihnen und informieren sich regelmäßig über veränderte rechtliche Rahmenbedingungen. Wir können aber auch sehen, dass jene Unternehmen erfolgreich sind, die sich frühzeitig über staatliche Förderungen informiert, die die eigene grüne Wende des Unternehmens unterstützen und mitfinanzieren können. Unterstützung sollte man annehmen, wenn sie dienlich sein kann. Auch die Kommunikation über die eigenen Nachhaltigkeitsbemühungen sind wichtig: Tue Gutes und sprich darüber, das ist eine wichtige Maxime!

Kommunikation ist ein gutes Stichwort. Oft hat man den Eindruck, mittelständische Unternehmen würde das Thema Kommunikation etwas stiefmütterlich behandeln. Warum ist strategisches Kommunizieren so wichtig und wo gibt es hierbei Verbesserungsbedarf?
Müller: Vom ETL Mittelstandskompass können wir lernen, dass erfolgreiche Unternehmen nicht nur strategisch handeln, sondern auch kommunizieren. Die Einführung zeitgemäßer und flexibler Arbeitsmodelle oder Fortschritte im Bereich der Nachhaltigkeit sind wahre Kommunikationsgeschenke! Gerade hier liegt noch viel ungenutztes Potential brach, welches Unternehmen mit verstärkten Investitionen in die Bereiche Marketing, Pressearbeit und Kommunikation entfalten können. Wichtig dabei ist: Strategisches Kommunizieren und Handeln braucht einen klaren Purpose. Der Purpose ist jene Unternehmensformel, die Sinn und Zweck eines Unternehmens definiert und die umfassendere Motivation, warum man etwas tut, wofür man es tut und wie man es tut, tiefer verankert. Er hilft das eigene Handeln und Kommunizieren, immer wieder neu daran auszurichten. Eine frühzeitige Investition in die Purposefindung und -definition ist aus Sicht des ETL-Mittelstandskompass dem deutschen Mittelstand unbedingt zu empfehlen.

Herr Tönsgerlemann, wir haben jetzt viel über Personal, Nachhaltigkeit und die strategische Einbettung gesprochen, ein weiterer zentraler Bereich des ETL Mittelstandskompass ist die Digitalisierung. Warum ist ein engagierterer und strategischerer Umgang damit ein Erfolgsfaktor?
Tönsgerlemann: Die Digitalisierung (fast) aller Unternehmensprozesse ist heute schon Realität im deutschen Mittelstand und nüchtern betrachtet ein Mittel zum Zweck, um die gesteckten Ziele der Unternehmung zu erreichen. Doch genau daran hat es in der Vergangenheit häufig bei Unternehmen aller Größenklassen und Unternehmensformen gemangelt. Nur wenn die Ziele auch strategisch verankert sind, wird sich eine nachhaltige Veränderung im Bereich der Digitalisierung einstellen. Nicht jede Innovation, ob Blockchain oder Cloud-Computing ergeben für jedes Unternehmen Sinn – der Kontext ist entscheidend. Es lohnt sich genauer hinzuschauen und besonders die sich ergebenden Chancen zu ergreifen.
Der ETL Mittelstandskompass macht deutlich, dass die Digitalisierung Unternehmen bei der präziseren Erfüllung von Kundenwünschen (79%) hilft, ein größeres Maß an Flexibilität (78%) ermöglicht und so eine größere Kundenzufriedenheit (70%) generiert. Zudem erleichtert die Digitalisierung den Austausch und die Kooperation mit anderen Unternehmen, Start-Ups oder Forschungseinrichtungen. Diese Chancen werden aktuell aber nur von einem kleinen Teil der befragten Unternehmen aktiv genutzt werden.

Was kann getan werden, damit Unternehmen noch umfassender und aktiver die Chancen ergreifen, die die Digitalisierung für das Erreichen ihrer Unternehmensziele bietet?
Tönsgerlemann: Zweierlei Aspekte sind wichtig. Zum einen, sollte sich Unternehmen die Mühe machen eine Digitalstrategie zu entwickeln, die zu ihrem Unternehmenskontext passt. Ich glaube, es mangelt häufig an einer initialen Struktur, um die Handlungsstränge zu ordnen, zu priorisieren und mit den passenden Ansätzen anzugehen. Selbst wenn dann das „Was“ relativ gut strukturiert ist, steht immer die Frage der Umsetzung, also des „Wies“, im Raum. Dabei hilft es, ein wirkliches digitales Mindset in der Organisation zu entwickeln und die vorhandenen Potentiale fruchtbar zu machen.
Das führt mich zum zweiten Punkt. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Wir empfehlen Unternehmen, in einem stetigen Austausch mit Kunden und Lieferanten zu stehen, um Synergien im Bereich der Digitalisierung frühzeitig zu erkennen und zu nutzen. Profitieren Sie vom Austausch mit anderen und erzeugen Sie dadurch Skaleneffekte und Synergien. Sprechen Sie mit Ihren Key Accounts und Ihren Mitarbeitern und platzieren Sie das Thema Digitalisierung ganz oben.

Es ist beachtlich, dass ETL gemeinsam mit dem IW Köln mit dem Mittelstandskompass so eine umfassende Analyse und Sammlung an Handlungsempfehlungen für den deutschen Mittelstand aufbereitet. Wie verändert sich dadurch das Modell der Steuerberatung?
Müller: Wir erleben es ja alle im Alltag und in den Unternehmen gerade selbst, wie umfassende etablierte Gewissheiten herausgefordert werden und Transformation geschieht. Umso wichtiger sind solide Entscheidungsgrundlagen für Unternehmen und Entscheider. Als Steuerberater können wir dabei als Ansprechpartner und Berater eine wichtige unterstützende Rolle einnehmen, damit Unternehmen erfolgreich durch diese Zeit des Wandels kommen. Steuerberater fungieren heute als Schnittstelle zwischen den Daten des Finanzbereichs und dem Unternehmer bzw. Entscheider, wir analysieren und interpretieren die vorhandenen Daten und liefern dem Unternehmer die notwendigen Entscheidungsgrundlagen.
Der Steuerberater wird damit zum strategischen Partner und nimmt die Rolle ein, die beispielsweise ein Chief Financial Officer (CFO) in einem Unternehmen hat. Diese Funktion verlangt von dem steuerlichen Berater ausgeprägte ökonomische und strategische Kompetenz, digitale Skills, wie etwa beim Umgang mit datenbasierten und interaktiven Finanzmanagement-Applikationen, und vor allem hohe Kompetenz in strategischer Kommunikation und unternehmerischem Denken sowie proaktives strategisches Handeln. Damit wird der Steuerberater zum „Enabler“, d.h. zum „Ermöglicher“ für den wirtschaftlichen Erfolg des Mandanten. Der ETL Mittelstandskompass nimmt dabei als „Kompass“ im wahrsten Sinne des Wortes eine orientierungsstiftende Rolle ein.

Die Ergebnisse des ETL Mittelstandskompass 2022 wurden am 04. Mai 2022 im Rahmen des ETL Wirtschaftssalons auf der Bühne des Berliner Mediensalons in der taz-Kantine in Berlin vorgestellt und mit einem hochkarätig besetzten Panel aus Politik, Wirtschaft und Medien diskutiert.

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