„Nachhaltigkeit wird sich nicht immer rechnen.“ – „Ich sehe das anders.“
Interview mit Unternehmerin Heda Silbernagel und ETL-Steuerberaterin Marina Tietz-Johanssen über Nachhaltigkeit, Unternehmertum und Beratung auf Augenhöhe
Eine Hotelinhaberin voller Ideen und eine Steuerberaterin, die diese auf ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit prüft: Seit 2017 arbeiten Heda Silbernagel und Marina Tietz-Johanssen von der Kanzlei ETL MPE Schleswig zusammen. Beim Vor-Ort-Besuch für „Das Grüne Mandat“ im Hotel F·RITZ in Schleswig sprechen sie über nachhaltiges Unternehmertum und darüber, warum gute Steuerberatung weit über Zahlen und Jahresabschlüsse hinausgeht und weshalb Widerspruch zu einer funktionierenden Partnerschaft gehört.
ETL: Marina, vor fast zehn Jahren begann eure Zusammenarbeit. Wann hast du beim Hotel F·RITZ gemerkt, dass dieses Mandat mehr verlangt als Zahlen und Steuererklärungen?
Marina Tietz-Johanssen: Ich kann mich noch gut erinnern. 2017 haben wir uns zum ersten Mal persönlich hier getroffen. ETL MPE hatte damals eine Kanzlei in Schleswig übernommen, zu deren Mandanten auch Heda Silbernagel mit dem Hotel F·RITZ gehörte. Heda hat mir gleich das Anwesen und den gesamten Betrieb gezeigt. Das ist für mich als Steuerberaterin enorm wichtig, um ein Mandat richtig zu verstehen. Ich muss wissen, wie es vor Ort aussieht, was bisher passiert ist, was geplant ist und welche Menschen hinter dem Unternehmen stehen.
ETL: Und welchen ersten Eindruck hattest du von Heda und ihrem Hotel?
Marina Tietz-Johanssen: Ich war beeindruckt. Man sieht sofort, dass hier eine Architektin wirkt, die kreative und ungewöhnliche Ideen hat. Das macht das Hotel F·RITZ außergewöhnlich. Ich bewundere, was Heda hier geschaffen hat.
ETL: Heda, was muss Marina Tietz-Johanssen über dich und dein Hotel wissen, um für dich ein guter Sparringspartner zu sein?
Heda Silbernagel: Sie muss mich vor allem kennen. Da ich kein gelernter Hotelier bin, sondern in den Beruf hineinwachsen musste, brauche ich hin und wieder Orientierung, etwa durch Vergleichszahlen. Und das ist Marinas ganz große Stärke. Sie versteht mich, sieht meine Visionen und wie sie entstehen, und schafft es immer wieder, diese in ein solides Zahlenwerk umzuwandeln.
„Es gibt keine Steuerberatung von der Stange“
ETL: Marina, was ist der Schlüssel, um für Heda ein guter Sparringspartner zu sein?
Marina Tietz-Johanssen: Ich muss Hedas Vision kennen, wissen, wie sie tickt und was ihr wichtig ist. Denn Steuerberatung von der Stange gibt es nicht. Es geht darum, individuelle Lösungen zu finden. Dabei hilft natürlich auch meine langjährige Erfahrung in der Hotel- und Gastronomiebranche.
ETL: Was siehst du als Steuerberaterin im Hotel F·RITZ, was einem Gast verborgen bleibt?
Marina Tietz-Johanssen: Ich sehe zunächst die Geschichte hinter dem Betrieb und natürlich die Investitionen, die über die Jahre in unterschiedliche Projekte geflossen sind. Ich sehe Hedas Ideen, die wir gemeinsam geplant, geprüft und umgesetzt haben. All das bleibt einem Gast verborgen.
ETL: Wo endet für dich reine Steuerberatung und wo beginnt unternehmerische Beratung?

Marina Tietz-Johanssen: Steuerberatung blickt naturgemäß oft zurück: auf Zahlen, Bilanzen und abgeschlossene Geschäftsjahre. Für unsere Zusammenarbeit ist es aber genauso wichtig, nach vorn zu schauen und den Hotelbetrieb fit für die Zukunft zu machen.
ETL: Gibt es einen Meilenstein aus den vergangenen neun Jahren, den ihr gemeinsam gestemmt habt?
Marina Tietz-Johanssen: Ja, kürzlich hatten wir eine Betriebsprüfung. Auch wenn man von seinen Zahlen überzeugt ist, bleibt man als Unternehmer und Berater angespannt – ein Betriebsprüfer kann Sachverhalte schließlich anders bewerten. Wir haben jedoch gemeinsam ein für beide Seiten zufriedenstellendes Ergebnis erreicht und können uns jetzt den nächsten Zukunftsprojekten widmen.
„Am Ende des Tages verfolgen wir dasselbe Ziel.“
ETL: Und gab es Momente, an denen ihr gar nicht auf einen Nenner gekommen seid?
Heda Silbernagel: Oh ja! (lacht)
Marina Tietz-Johanssen: Das ist auch gar nicht so lange her. Da habe ich einen Vorschlag gemacht, der bei Heda gar nicht gut angekommen ist (lacht).
Heda Silbernagel: Ich weiß genau, welchen du meinst. Ich sollte mich von etwas trennen, wozu ich aber überhaupt nicht bereit war.
Marina Tietz-Johanssen: Das kommt zwischen Mandanten und Steuerberatern immer wieder vor. Wichtig ist, dass wir über unsere Diskrepanzen offen und ehrlich reden und unsere Einschätzungen begründen.
ETL: Muss eine gute Beraterin ihrer Mandantin also auch mal etwas ausreden?
Heda Silbernagel: Davon würde ich abraten (lacht).
Marina Tietz-Johanssen: Ich muss Zweifel aussprechen, wenn ich sie habe. Meine Aufgabe ist schließlich, die wirtschaftlichen Folgen sichtbar zu machen. Aber entscheiden muss am Ende die Unternehmerin. Beratung auf Augenhöhe heißt für mich nicht, Entscheidungen abzunehmen.
„In aller Deutlichkeit: Nachhaltigkeit wird sich nicht immer rechnen“
ETL: Marina, warum passt das Hotel F·RITZ für dich so gut zu Das Grüne Mandat?
Marina Tietz-Johanssen: Das Thema Nachhaltigkeit umfasst ja nicht nur Dinge wie Wärmepumpen oder PV-Anlagen. Was Heda auszeichnet, ist ihre Haltung: Sie möchte mit dem Hotel F·RITZ etwas schaffen, das nachfolgenden Generationen erhalten bleibt. Und darum geht doch bei Nachhaltigkeit.

Heda Silbernagel: Meine Vision geht über das Hotel hinaus. Ich brenne dafür, dass die Region attraktiv und unser Stadtteil, der Friedrichsberg, lebendig bleibt. Wir gehören hierher und brauchen uns gegenseitig. Auch das bedeutet für mich Nachhaltigkeit.
ETL: Muss sich Nachhaltiges Unternehmertum immer rechnen?
Heda Silbernagel: Ich sage das in aller Deutlichkeit: Es wird sich bei uns nicht immer rechnen. Der Invest ist doch recht hoch, die Einsparungen sind mitunter schwer zu quantifizieren. Aber ich bin felsenfest von unserer Verantwortung für Klima, Umwelt und zukünftige Generationen überzeugt.
Marina Tietz-Johanssen: Ich sehe das anders. Irgendwann werden sich diese Investitionen auszahlen müssen. Aber das kann natürlich auch Jahre dauern.
„Gute Beratung bedeutet, sich in meine Euphorie und meine Sorgen einzufühlen“
ETL: Heda, wenn du nach neun Jahren Zusammenarbeit einen Satz vervollständigen müsstest: Gute Beratung bedeutet für mich, …
Heda Silbernagel: …dass man sich in meine Bedürfnisse, meine Euphorie – aber auch meine Sorgen – einfühlen kann. Und vielleicht auch das eine oder andere Mal das Zahlenwerk hintenanstellt. Weil sich nur so Ideen weiterentwickeln können. Wenn Ideen sich in ein Korsett aus Gesetzen und Zahlen pressen müssen, stirbt jede Vision. Und das wäre das Ende von Weiterentwicklung.
